Aphrodisiaka oder Potenzmittel?

Die Menschheit hat ohne Zweifel viele Interessen. Doch wenn ein Ranking der beliebtesten Tätigkeiten und Interessen erstellt werden müsste, würden wohl zwei Themen ganz oben stehen: Essen und Sex. Vielleicht beides sogar gleichzeitig an erster Stelle, so dass es auch gern verbunden wird. Wenn die Verdauung gestört ist und es im Bett nicht mehr klappt, ist dies für die meisten Menschen eine Katastrophe. Doch da die Menschheit eben kreativ ist, hat sie im Laufe der Zeit überall auf der Erde Präparate und Medizin entwickelt, um den Leiden abzuhelfen und endlich wieder mit Genuss essen und Sex haben zu können. Doch nicht alle Präparate halten ihre Versprechen.

Das Trauma erektile Dysfunktion beschäftigte zahllose Männer

Besonders für Männer war es für viele Generationen sehr tragisch und ein Trauma, wenn im Bett nichts mehr lief. Was verständlich ist, da einige gesellschaftliche Strukturen dies begünstigten. Schon immer galt, dass ein Mann stark sein musste. Nicht nur, dass ein Mann seine Familie beschützen können musste. Er musste auch im Bett seinen „Mann stehen“, um als vollwertiger Mann zu gelten. Er musste jederzeit in der Lage sein, seine Partnerin glücklich zu machen. Zudem musste ein Mann zeugungsfähig sein, um als Mann zu gelten. Ein Mann mit einer großen Kinderschar galt als potenter als ein Mann ohne eigene Kinder. Lief im Bett nichts mehr, fühlte sich der Mann in seiner Identität als Mann angegriffen, was sehr traumatisch ist.

Viel guter Glaube und Placebo-Effekt

Es war daher grundlegend wichtig, dass der von einer erektilen Dysfunktion betroffene Mann Möglichkeiten hatte, diese zu behandeln. Auch wenn Präparate wie Yohimbe, Maca oder Spanische Fliege oftmals nur bei einer leichten erektilen Dysfunktion und aufgrund des Placebo-Effektes sowie dem guten Glauben der Männer und des Placebo-Effektes funktionierten. Denn die Präparate wurden aus der Natur gewonnen und die Bedingungen, die das Jahr über herrschten waren doch von Jahr zu Jahr unterschiedlich. Daher war die Qualität der Präparate je nach Umwelt- und Witterungsbedingungen von Jahr zu Jahr unterschiedlich, die Dosierung der Wirkstoffe, die gegen die erektile Dysfunktion helfen sollten, schwankte stark. Hinzu kam, dass die Bioverfügbarkeit der Wirkstoffe in der Regel nicht sehr hoch war.

Aphrodisiaka müssen über einen längeren Zeitraum eingenommen werden

Der wichtigste Unterschied zwischen Aphrodisiaka und Potenzmitteln liegt zudem in den Auswirkungen ihrer Wirkstoffe. Aphrodisiaka sind Präparate, mit denen die Lust gesteigert werden soll, sie wirken sich kaum auf die Erektionsfähigkeit des Mannes aus. Bei einer schwerer wiegenden erektilen Dysfunktion wirken Aphrodisiaka nicht. Potenzmittel hingegen schon, allerdings wirken sich diese nicht auf die Lust aus. Bei Potenzmitteln ist daher eine erotische Stimulation notwendig, um die Lust und eine Erektion aufzubauen.

Ein Zufall brachte die Wende

In den 1990er Jahren wurde den Männern eine riesige Sorge von den Schultern genommen und die Angst vor einer erektilen Dysfunktion. Das Pharmaunternehmen Pfizer führte einige Studien mit dem Wirkstoff Sildenafil durch, ursprünglich mit dem Ziel, ein Medikament gegen Angina Pectoris und Bluthochdruck zu entwickeln. Bei diesen Untersuchungen fanden sie heraus, dass sich der Wirkstoff nicht für die Behandlung der genannten Beschwerden eignet, entdeckten allerdings eine nette Nebenwirkung, die sehr interessant war und sowohl die Männer erfreuten, die an Erkrankungen litten, welche eine erektile Dysfunktion auslösten, als auch deren Partnerinnen. Denn knapp eine Stunde nach der Einnahme waren die Männer plötzlich wieder in der Lage, eine Erektion aufzubauen und Sex zu haben.

Die Zäsur wirkt sich auch auf die Frauenwelt aus

Pfizer entschloss sich, die Studien einzustampfen und eine neue Untersuchung hinsichtlich der Wirkung von Sildenafil auf die erektile Dysfunktion zu starten. Doch zuvor hatte das Unternehmen noch eine wichtige Aufgabe. Die übrig gebliebenen Test-Präparate der vorherigen Studie mussten eingesammelt werden. Und die betroffenen Männer sowie ihre Partnerinnen waren nur mit viel Überzeugungskraft dazu zu überreden, die Pillen wieder zurückzugeben. Schlussendlich gelang es Pfizer und das Unternehmen entwickelte das erste Potenzmittel, das wirklich zuverlässig wirkte – Viagra. 1998 kam es auf den Markt und löste eine Zäsur aus, die sich nun auch auf die Frauenwelt auswirkt.

Rasante Verbreitung von Viagra

Das Medikament verbreitete sich rasant in aller Welt. Der Erfolg war so umfassend, dass Viagra zum Synonym zu Potenzmitteln wurde. Was Tempo für Papiertaschentücher ist, wurde Viagra zu einer ganzen Medikamentengruppe. Verständlich, denn Viagra und Viagra Generika schlägt bei nahezu allen Männern an, wobei es, anders als Aphrodisiaka, die in der Regel über mehrere Wochen regelmäßig eingenommen werden müssen, um Wirkung zu zeigen, nur eine knappe Stunde vor dem geplanten Geschlechtsverkehr eingenommen werden muss. Wenige Jahre darauf kamen Cialis und Levitra auf den Markt, um dem Klassiker Konkurrenz zu machen.

Cialis und Levitra übertreffen Viagra

Und diese beiden Potenzmittel übertreffen die kleinen, blauen, rautenförmigen Pillen in der Qualität. So kann Cialis in einer geringen Dosierung dauerhaft und täglich eingenommen werden, wobei der Wirkstoff des Präparats dem Körper deutlich länger zur Verfügung stehen kann als der Wirkstoff von Viagra. Bei Levitra hingegen tritt die Wirkung des Präparats nach wenigen Minuten ein, sehr viel schneller als bei Viagra. Sex wird mit beiden Präparaten also wieder spontan möglich. Besonders Levitra ist bei Männern beliebt, da Männer, die an einer erektilen Dysfunktion leiden, Studien zufolge bei Potenzmitteln sehr viel Wert auf einen schnellen Eintritt der Wirkung legen.

Im Kampf gegen die weibliche Unlust

Seit einigen Jahren hat die Pharmaforschung auch die Frauenwelt im Blick und bemüht sich, ihr bei der Unlust zu befreien, an der viele Frauen leiden. Nach einigen Studien entdeckten die Forscher, dass Sildenafil nicht nur bei Männern zuverlässig wirkt, sondern auch bei Frauen, denn der Wirkstoff sorgt dafür, dass der Beckenbereich stärker versorgt wird, was die Nerven in der Vagina sensibler macht und die Klitoris stimuliert. Die Berührungen des Partners werden daher als intensiver empfunden. Zudem steigert Sildenafil die Produktion von Scheidenflüssigkeit. Sildenafil verschaffte in den Untersuchungen auch Frauen einen Orgasmus, die sonst starke Schwierigkeiten hatten, einen solchen zu erleben, einige Probandinnen sprachen nach den Studien sogar davon, dass sie nach der Einnahme des Wirkstoffes multiple Orgasmen genießen konnten. Lovegra war geboren.

Neu auf dem Markt – Addyi

Mittlerweile gibt es mehr Potenzmittel für die Frau. Im Oktober 2015 kam ein weiteres Präparat auf den US-Markt – Addyi, das auch den Spitznamen „Viagra für die Frau“ trägt. Wobei dieser Spitzname besser zu Lovegra passt, da das Medikament anders als Addyi über den gleichen Wirkstoff wie der Klassiker der Potenzmittel verfügt. Der Wirkstoff von Addyi hingegen kommt aus der Gruppe der Antidepressiva, genauer gesagt der Serotonin-Hemmer. Dieser Wirkstoff sorgt für eine höhere Ausschüttung von Glückshormonen. Ob das Präparat ein Erfolg wird, wird sich zeigen. Experten haben daran einige Zweifel. Denn ähnlich wie Aphrodisiaka muss das Medikament über längere Zeit eingenommen werden, damit es seine Wirkung entfalten kann. Und das widerspricht doch einem guten Potenzmittel, das schnelle Wirkung zeigt und daher eindeutig zu bevorzugen wird.

Harald Berger

Pharmakologie ist mein Fach. Aktuell geniesse ich die Zeit nach dem Studium. Ich bin Schweizer und lebe in Bern. Ich unterstütze die Apotheke Schweiz mit Artikel sowie Produktbeschreibungen.
Harald Berger