Pink Viagra – Potenzmittel für Frauen

Die erektile Dysfunktion ist kein neues Phänomen, sondern eines, das die Menschheit seit Generationen plagt. Die Menschheit deswegen, weil die erektile Dysfunktion zwar ein Phänomen ist, das sich auf die Männerwelt beschränkt, doch ebenso die Frauen betrifft, die ebenfalls darunter leiden, dass sie keinen Geschlechtsverkehr mehr mit ihrem Partner haben können. Zwar war die erektile Dysfunktion lange mit einem Tabu belegt, doch hat sie viele Menschen beschäftigt. Auch die Pharmaindustrie, die mit der Behandlung der erektilen Dysfunktion enorme Gewinne erzielt hat. Die Behandlung der weiblichen Erektionsstörung blieb lange unbeachtet. Bis jetzt. Am 17. Oktober kam mit Addyi ein Medikament auf den US-amerikanischen Markt, das den Frauen helfen soll. Allerdings ist das Präparat nicht ganz unumstritten.

Ähnliche Geschichte wie bei Viagra

Scheinbar haben es Potenzmittel so an sich, dass sie bei ihrer Entwicklung und Markteinführung eine interessante Geschichte durchlaufen. Dies war bereits bei Viagra so, dessen durchschlagende Wirkung durch einen Zufall entdeckt wurde. Und die Wirkung war so überraschend und durchschlagend, dass das Pharmaunternehmen Pfizer Probleme hatte, die restlichen Pillen von den Probanden einzusammeln, als es die Studie umstellte, um die Wirkung des Wirkstoffes Sildenafil auf die Potenz zu testen. Und auch Addyi, das passenderweise auch als Viagra für Frauen bezeichnet wird, hat einen bemerkenswerten Hintergrund, der weitgehend deckungsgleich mit dem von Viagra ist.

Zufällig entdeckte Wirkung auf die Libido

Wie Pfizer in den 1990er Jahren war das deutsche Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim auf der Suche nach einem Wirkstoff, der gegen Depressionen helfen sollte. Bei den Probandinnen zeigte sich allerdings nach der Einnahme des Wirkstoffes Flibanserin ein Nebeneffekt, den die Forscher nicht im Sinn hatten, der jedoch für das Unternehmen nicht uninteressant war. Der Wirkstoff hatte eine positive Wirkung auf die Libido der Frauen. Boehringer Ingelheim entschied sich, den gleichen Weg zu gehen, den auch Pfizer eingeschlagen hatte und stellte die Studien auf die Untersuchung der Wirkung des Wirkstoffes auf die Libido um. Bei der Markteinführung hatte es Boehringer Ingelheim allerdings nicht so leicht wie Pfizer.

Der erste Anlauf scheiterte

Das Unternehmen entschied sich, die Markteinführung zuerst auf dem US-amerikanischen Markt zu versuchen. Doch beim Versuch sollte es bleiben. 2010 stellte Boehringer Ingelheim den Antrag auf Zulassung bei der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde und scheiterte. Das Gremium, das über die Zulassung entscheiden sollte, sah nicht, dass der Nutzen des Medikamentes das Risiko bei der Einnahme überwiegt. Boehringer Ingelheim gab gleich nach diesem ersten Versuch auf und verkaufte das Medikament an US-amerikanische Pharmaunternehmen Sprout Pharmaceuticals. Eine Entscheidung, welche das deutsche Unternehmen noch bereuen könnte. denn Sprout Pharmaceuticals glaubte offensichtlich an einen Erfolg von Addyi und bewies deutlich mehr Durchhaltevermögen bei der Zulassung des Medikamentes.

Eine umfassende PR-Kampagne brachte den Erfolg

Und eine bessere Strategie. 2013 legte Sprout Pharmaceuticals das Medikament erneut zur Zulassung vor und scheiterte ebenfalls. Nach dieser Niederlage gab das Unternehmen nicht etwa auf, sondern startete eine umfassende PR-Kampagne, die zwei Jahre lang andauerte und 2015 schließlich Erfolg zeigte. Im August dieses Jahres wurde das Medikament erneut auf eine Zulassung untersucht. Mit Erfolg, seit dem 17. Oktober ist das Präparat nun auf dem US-Markt erhältlich und soll den Frauen helfen, wieder ein befriedigendes Sexualleben zu genießen. Ob dies gelingt, wird von einigen Experten auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz bezweifelt.

Der Markt ist reif für Addyi

Der Markt scheint mehr als reif für Addyi zu sein, ein Mittel, das gegen die sexuelle Unlust der Damenwelt hilft, ist längst überfällig. Dieser Ansicht ist zumindest eine Gynäkologin, die an der Health and Sience University in Oregon tätig ist. Der Dame zufolge liegt der Anteil der Frauen, die in irgendeiner Form an sexueller Unlust leiden, zwischen 40 und 50 Prozent. Dennoch bezweifeln zahlreiche Experten, dass das Medikament Erfolg haben wird, sowohl auf unternehmerischer Ebene als auch in der Wirkung, die das Medikament entfaltet. Zu hoch seien die Schwierigkeiten, die mit der Anwendung des Medikamentes verbunden sind, so die Ansicht, die eine Sextherapeutin der Universität von New York in der New York Times äußerte.

Addyi senkt den Spiegel von Serotonin, steigert die Produktion von Dopamin und Noradrenalin

Denn anders als es der Spitzname „Viagra für die Frau“ vermuten lassen könnte, wirkt es anders als das Medikament von Pfizer. Denn bei dem Wirkstoff Flibanserin handelt es sich nicht um einen Wirkstoff aus der Gruppe der PDE-5-Hemmer, sondern um ein Antidepressivum, das seine Wirkung direkt im Gehirn entfaltet und die Bildung von Serotonin senkt. Bei Serotonin handelt es sich um ein Hormon, das sich negativ sowohl auf die Psyche eines Menschen auswirkt, als auch auf die Libido, wenn es in einer größeren Konzentration im Körper vorhanden ist. Zudem steigert Flibanserin die Konzentration von Dopamin und Noradrenalin im Körper. Diese beiden Hormone steigern das Glücksempfinden und steigern die Lust auf Geschlechtsverkehr.

Täglich zwei Wochen lang einnehmen

Hinzu kommt, dass Addyi, anders als Viagra, das bereits nach der einmaligen Einnahme wirkt, täglich rund zwei Wochen lang eingenommen werden muss, damit die Wirkung aktiviert wird. Von sexueller Unlust betroffene Frauen haben damit maximal einmal im Monat mehr Sex. Wenn überhaupt, denn bei den Untersuchungen, die zu Flibanserin durchgeführt wurden, gaben lediglich zwischen 8 und 13 Prozent der befragten Probandinnen an, nach der vorgeschriebenen Einnahmezeit von Addyi eine Wirkung verspürt zu haben. Die Experten raten daher, genau zu überlegen, ob die Risiken des Medikaments in Kauf genommen werden sollen, da sich das Medikament auf den Hormonhaushalt auswirkt und zahlreiche Nebenwirkungen wie Herz-Rhythmus-Störungen, Schwindelgefühle, Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit auslösen kann.

Ob und wann eine Zulassung in Deutschland erfolgt ist unklar

Bislang ist Addyi ausschließlich für den US-Markt zugelassen. Ob und wann das Medikament auf den deutschen Markt kommen wird, ist bislang unbekannt. Für die Zulassung in Deutschland ist das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, kurz BfArM, zuständig. Das Pharmaunternehmen Sprout Pharmaceuticals beziehungsweise das kanadische Unternehmen Valeant, das mittlerweile Sprout Pharmaceuticals aufgekauft hat, muss einen entsprechenden Antrag zur Zulassung beim BfArM stellen. Ob dies bereits erfolgt ist, ist unbekannt. Das Bundesamt verwies auf entsprechende Nachfragen auf die bestehenden Regelungen zum Datenschutz und gab keine weiteren Informationen dazu heraus.

Harald Berger

Pharmakologie ist mein Fach. Aktuell geniesse ich die Zeit nach dem Studium. Ich bin Schweizer und lebe in Bern. Ich unterstütze die Apotheke Schweiz mit Artikel sowie Produktbeschreibungen.
Harald Berger